"Meine Zeit"
von Heide Thomas

Was tue ich mit der Zeit,
die mir verbleibt....
Manche Tage
packe ich prall voll. Bis zum Bersten.
Nicht vergeuden eine einz' ge Stunde . . . .

Manche Tage: Egal! Alles!
Zeit - was ist das . . . . . ?

Hier hast du, Nachbarin
von meiner Zeit. Alte Frau,
jammerst nur,
wie schlimm es früher war, und so . . . . .

Haben es heute alle so leicht,
viel zu gut im Leben . . . . .
Ihr dagegen, ihr Alten früher . . . . .
Und du geiferst vor Neid.

Was weißt du denn schon?
Zum Beispiel von mir, alte Frau ?
Hast du je MIR zugehört?

Dann wüsstest du, dass ich nicht alt werde.

Willst nur immer, dass ich DIR zuhöre,
beginnst etwa bei 1935 - wie immer!
Das gleiche Gesicht dabei - wie immer!
Die gleichen Worte - wie immer!
Und den Tonfall - ich kann ihn schon singen . . . . .

Als ob es nichts Wichtigeres gäbe,
als daß du
mir meine Zeit stiehlst - mit Klagen.

Gnadenlos ausgeliefert bin ich dir,
weil mir vorhin einmal,
einmal ganz kurz -
die Sache mit der Zeit - für einen Moment -
egal war.

Ich beschließe, dir künftig
die Besetzung meiner knappen Lebenszeit
öfter zu verweigern.

Das findest du nicht positiv von mir?
Hast du eine Ahnung, wie positiv ich bin . . . . .

Heide Thomas
Mai 95