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Wie ein Kind, kann ich Geschichten nur mit Lücken erzählen.
Geschichten voller Geheimnisse und Schatten, ich geb´s zu. Was,
aus all dem Nichtausge- sprochenen, könnte ich noch sagen, wenn ich
selber es schwer fand, mein eigenes Leben zu begreifen?
Heute Morgen, als ich losgefahren bin zu einer Berufswegplanungs- beratung
war mir schon klar, daß ich wieder die Hälfte meiner Geschichte
vergessen und ohne Überzeugung meinen Lebenslauf beschreiben würde.
Ich wagte nicht mehr von meinen so vielen unterschiedlichen Wegen, Versuchen
und Wünschen zu berichten, da ich selber den roten Faden meines Lebens
nicht mehr im Blick hatte. Wie ein Himmel ohne Farbe begann der Tag wenig
verheißungvoll, sowie die letzten Tage überhaupt namenlos in
einem Nichts verschwanden. Alles schien schleppend zu gehen, sogar der
Frühling, der nur schwer und langsam sich zeigte. Bloß ein
bißchen mehr Wärme, dachte ich als ich zum Bahnhof losgefahren
bin, noch sehr dick angezogen mit alten Pullis, Mütze, Handschuhen
und alten Stiefeln, die ich, jetzt spät im April, am liebsten wegwerfen
wollte. Bloß ein bißchen Sonne, sagte ich zu mir selber im
Zug, voll mit erschlafften Gesichtern von Leuten, die in einer trieblosen
Routine gefangen waren. Als eine von eben diesen Leuten schleppte ich
mich zu der Beratung.
Dort begann ich, nachdem die obligatorischen Fragen zu meiner Vergangenheit
abgehakt waren, zögerlich über meine wenigen vagen Ambitionen
zu reden, die mir im Nachhinein wie bisher nicht ausgesprochene Visionen
schienen.
Als ob mein Herz kalt wäre, oder es um jemand anders ginge, kam mir
alles weit entfernt vor: Ich, das Machen, das Tun und dann letzt endlich
die Zeit. Die Tyrannei zwischen Kopf und Bauch verursachte, daß
mein Gespür für das Wesentliche in einem schwebenden Chaos verschwand.
Nur nicht den Überblick verlieren, während ich oft den Eindruck
gewann, nicht richtig mitbekommen zu haben, was mir erzählt wurde.
Manchmal wünschte ich mir einfach, Ziegenkäse herzustellen statt
die Sprachen der Weltliteratur lesen und schreiben zu wollen. Stets waren
meine Sehnsüchte woanders und so war ich nie 100 Prozent im Hier
und Jetzt.
Es gibt eine Methode, gemäß manchen Psychologen, seinen Gedankenprozess
kurzzuschließen. Man zählt einfach bis Zehn ohne Unter- brechung
oder Widerstand. Ich aber zähle meistens bloß die Zeit nachdem
etwas geschehen ist und bevor wieder etwas neues geschehen wird, wie mich
in jemandem verlieben oder beinah sterben. Obwohl, das sind die dramatischen
Tiefen, die am interessantesten sind, im Gegensatz zu diesem Gefühl,
allein in der Menge zu stehen, und das alles vergeblich ist. Ein Tagebuch,
führe ich seit langem nicht mehr, wegen dem Druck vor dem weissen
Blatt zu versagen. Zwischen Machen und Tun, bleibt immer noch, worüber
ich nicht so reden kann, z.B. diese Gefühle der Angst und der Panik
wenn mein Leben so an mir vorbeischleicht. Ich bin besessen von diesen
Stimmen in meinem Kopf, die meinen verborgenen Lebensélan zerstören.
Ich höre wie sie mich fragen " Bist du vernüftig? Denkst
du an deine Gesundheit? Warum bist so unglücklich? Was willst du
in dieser Welt? " Dann habe ich den Eindruck, daß ich auf einem
Seil tanze, gespannt zwischen den Händen eines anderen, und jeder
Schritt birgt Todesgefahr. Also bleibe ich stehen voller Angst und denke
an die moralische Erziehung meiner Eltern, die mir das Prinzip der Lebenslust
beinah völlig zerstört hat. Ich darf mir nicht zu viel wünschen.
Das Leben hat mir so viel gegeben, sagte immer meine Mutter und trotzdem
bleibe ich unbefriedigt.
Selbst mein unerfüllter Kinderwunsch spart mir keine Schuldgefühle.
So denke ich an Tagen, an denen ich mit halbgeschlossenen Augen ins Nichts
starre und an Nichts denke. Es gibt diese Geschichte von Hermann Hesse
über einen gefällten Baum, der nicht durch eine Nachpflanzung
ersetzt wurde. Der Gärtner wehrte sich dagegen weil er es sinnlos
fand, den Kreislauf zu erneuern, wie er am Ende der Geschichte sagt: "
das Rad des Lebens aufs neue anzutreiben, dem gefräßigen Tode
eine neue Beute heranzuzüchten... Die Stelle soll leer bleiben."
Fast überrascht, daß sie noch da war, daß ich noch da
war, blickte ich der Beraterin in die Augen, während Sie meine gegenwärtige
Situation mit Optimismus betrachtete. Sie redete von Umbrüchen, der
Wichtigkeit etwas Neues anzufangen, der Wahrscheinlichkeit, daß
manche Dinge für mich entgültig vorbei wären. Sie riet
mir darüber nachzudenken, und so bald ich wüßte, was ich
machen wollte, nochmal vorbei zu kommen. Oder einfach so, zu jeder Zeit,
sagte sie zu mir während ich aus dem Fenster starrte. Verzaubert
verließ ich ihr Büro, fragend, welche meiner Geschichten ich
ihr wohl erzählt hatte?
Von der Brücke, auf meinem Heimweg, sah ich die Spree, tief blau
und bis zur Oberfläche, etwas eigenartig, offenbarte sie pulsierendes
Leben voll überwältigenden Versprechungen. Der Himmel, als Kontrast,
war wie eine Fiktion, aus ätherischem Blau, langsam erblassend. Und
ich saß in der Straßenbahn aus der ich täglich diesen
Blick von der Brücke über das Wasser und den breiten, illusorischen
Himmel genoß. Aber die Brücke als solche half mir Zusammenhänge
über mich zu begreifen und unvermeidlich kam ich in einer anderen
Stimmung nach Hause.
Allmählich vergaß ich das Alles und langsam ließ die
Unruhe nach. Ich lag quer im Bett und steckte meinen Kopf ins Buch vom
Mythos der Unfruchtbarkeit. Die Außenwelt wurde sofort ausgeschlossen
und ich fühlte mich wohl in diesem engeren Kreis von, wie mir, kinderlosen
Frauen. Die angeblich hohe Quote derer konnte mich sogar beruhigen und
unterbrach die Einsam- und Familienlosikeit. Auch die Wartezeit, die unser
Leben seit langem bestimmt, wurde aufgehoben. Und so, zwischen Hoffnung
und Entäuschung, versuchte ich Raum zu schaffen wo die Stille diese
Wartezeit überbrückt. Ich fuhr fort mit meiner Abendlektüre
bis ich schwer wie ein Stein wurde.
Schließlich wollte ich schlafen, zurück zu meinen nächtlichen
Reisen, zwischen Wasser und Land, so wie ich mein Leben lang reiste von
Küste zu Küste bis zu den Höhen der Felsen, von wo aus
alles schweigt und auf eine einzige Kindheitsphantasie schrumpft: Eine
riesige Welle genügt um alles wegzuspülen. Ich beobachte es
von der Höhe. Manchmal, wenn das Meer ruhig scheint, mag ich es zu
ihm herunterzuklettern und zu denken, daß ich endlich weit wegschwimmen
werde. Strampeln mit allen Kräften um weit wegzuschwimmen.
Dann plötzlich warst du doch wieder da. Und ich doch noch wach. Kaum
hattest du deine Schuhe ausgezogen, legtest du dich zu mir. Deine Bereitschaft
mit mir zu sein hatte ich immer wie eine Herausforderung empfunden. Immer
wieder, obwohl wir seit Jahren zusammen waren. Ich traute mich kaum dich
zu emfangen: wie sollte ich sein, was sollte ich tun, und auf deine Fragen
hatte ich keine Antwort. Der Tag war schon lange vorbei, ich fühlte
mich ein wenig leer, ein wenig müde. Mein Leben schien jemand anderen
zu gehören. Entweder ich war zu alt oder zu jung. Und ich wußte
nicht, ob ich bei der Beratung heute weinen oder lachen sollte als die
Frau mir empfahl meine verschiedenen Lebenswege als Tugend zu sehen. In
der Tat habe ich nur gegrinst.
Aber du hast kaum was gesagt, nichts verlangt was ich mit Worten dir beantworten
hätte müssen. Du lagst dicht bei mir. Ich habe gelächelt,
zum ersten mal heute, froh, daß ich nichts erzählen, erklären
mußte. Oja, ich habe gelächelt aus Erleichterung, und Schwermut
auch. Und dann haben wir uns geliebt. Und für eine kurze Zeit war
mir alles egal, der Tag einfach weggespült. Das Körperliche,
so lebendig und unverfroren, war wie die riesige Welle aus meinen Träumen.
Alles wurde wegspült, und nur ich bleibe und wundere mich wie das
Leben verstummt bis auf einen einzigen Laut. Aber es ist ein Traum und
nur etwas Unbennenbares bleibt übrig auf meiner Zunge, am Morgen
danach.
Eileen Szabo, Berlin 2001
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